Brief no.2 – Andere Wege sind möglich – oder woher, wenn nicht von hier?

Liebe Leser*innen

Stellen Sie sich ein wunderschönes Kaschmir-Kleid «Made in China» vor. Stehen Sie mit Ihrem Gewissen aus ethisch-ökologischen Gründen in einem Konflikt? Oder setzen Sie Qualität nicht mit China in Verbindung? Oder bereiten Ihnen der weite Transportweg und die Auswirkungen auf das Klima Sorgen? Doch was wäre, wenn genau dieses Label einen durchaus zeitgemässen Nachhaltigkeitsansatz vertritt, der auf ihrer langjährigen Erfahrung beruht?

Hohe Ansprüche an Qualität, Produktionsweise und Ökobewusstsein stellen den Endverbraucher vor ein Entscheidungsdilemma, mit dem die Designer wie auch wir als Einkäufer ringen. Kompromisse sind unausweichlich, doch gibt’s auch innovative Alternativen, die „lokal produziert“ neu definieren. Auf Letzteres setzen wir. In einer Zeit, in der Zusammenhänge komplexer sind, als sie auf den ersten Blick scheinen, liegt das Sinnstiftende oft dennoch näher, als wir denken.

Labels wie „Extreme Cashmere“ (das im Einstieg erwähnte Beispiel) oder auch „Stefan Brandt“ machen sich die globalisierte Welt für die Umsetzung ihres nachhaltigen Ansatzes zunutze. Ihre Logik ist einfach: Die Stücke werden dort gestrickt und genäht, wo das Material seinen Ursprung hat – bei den Kaschmire-Ziegen in China oder in Ecuador, wo die Pima-Baumwolle wächst. Fertigkeiten werden vor Ort aufeinander abgestimmt und lokal weiterentwickelt. Im Einklang mit der Natur arbeitend, rückt das Wohlergehen aller ins Zentrum der Zusammenarbeit.

Durch das Kurzschliessen von Lieferketten wird nicht nur die Natur geschont, sondern auch eine lokale Kultur gepflegt – Beziehungen zu kleinen Manufakturen, traditionellen Handwerkern und Familienbetrieben werden dadurch kultiviert wie auch deren Fortbestand gesichert. So wie bei der Britin „Margaret Howell“, der Hands-on-Designerin par excellence – sie kreiert in engem Austausch mit den Fabrikanten, wodurch Tradition und Moderne ineinanderfliessen. Die Kleider wirken wie Botschafter für die Kultur ihrer Heimat, deren Natur und Handwerkskunst.

Das kollektive (Weiter-)Entwickeln und ganzheitliche Denken kann zu neuartigen, raffinierten Lösungen führen. „Circular Design“ und „Circular Economy“ sind in aller Munde. Hautnah dran ist „Round Rivers“ – dank einem innovativen Umwandlungsprozess wird in der Limmat entsorgtes PET zu Schwimmbekleidung. Produziert wird alles in der Schweiz und in der italienisch-schweizerischen Grenzzone. Und zwar nur solange, wie PET aus den Gewässern gefischt werden kann. Eine kreislaufschliessende Lösung, deren Vergänglichkeit miteingeplant ist.

Überdenken ist das neue Credo in einer bekanntlich starren Industrie, die sich nun dank der äusseren, entschleunigenden Umstände auf einmal zu verändern gewillt scheint. Schnelllebiges und ausbeutendes Wirtschaften steht seit jeher im Gegensatz zu dem, was die Vertreter der „Slow Fashion“ Bewegung vertreten. „Never push, grow organically“, sagt „Stephan Schneider“ und lebt es vor – das Business lebt nicht vom Marketing, sondern von sorgsam gepflegten Geschäftsbeziehungen. Regelmässige Treffen dienten dem sich gegenseitig nährenden Austausch unter den Partnern, die nunmehr hauptsächlich auf digitalem Weg stattfinden. Es zeigt sich, dass das gemeinsam aufgebaute Vertrauen dadurch umso mehr an Bedeutung gewinnt.

„Design to last“ oder gar „Design to live up a whole industry“ – innovative Konzepte zeigen, dass ein verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Handeln förderlich für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Industrie als Gesamtes ist. Und dass sich ästhetische Ansprüche sehr wohl mit ökologischen Grundsätzen vereinen lassen. Denn schliesslich ist alles miteinander verbunden, so auch das Hier mit dem Dort. Somit prägen unsere Entscheidungen das, was nahe liegt genauso wie das, was fern scheint.