Brief no.1 – Geschick mit Geschichte

Wegschauen ist nicht mehr möglich. Was im Inneren schon lange brodelte, hat die aktuelle Situation an die Oberfläche getragen. Branchenübergreifend werden dank oder wegen Covid ganze Systeme infrage gestellt. Die Aufmerksamkeit wird auf den Wert des Essenziellen gelenkt. Der Ruf nach Langlebigkeit, Transparenz und Sinnhaftigkeit findet Anklang. Letztendlich liegt es aber in unserer Verantwortung, ob der gewünschte Gesinnungswandel Realität wird, oder doch nur ein Wunschdenken bleibt.

Obwohl sich manches in der Modeindustrie unwiederbringlich verändert hat, ist dies noch lange nicht das Ende der Zukunft. Vielleicht aber Ende einer Ära sich konkurrenzierender Trends, kostspieliger Defilees und der Modemacher als Trendsetter. Ist eine Zeit angebrochen, in der Handwerk wieder kultiviert wird, das Können den Schein als treibende Kraft ablöst und das Künftige sich von seiner eigenen Geschichte nährt?

Was geschieht, wenn Saint Laurent keine Modeschau mehr bietet? Was ist zu erwarten, wenn die Lieferketten nicht mehr aufrechterhalten oder reaktiviert werden können? Und wie sieht die Industrie künftig aus, wenn der bekannte Modehistoriker Oliver Saillard, wie auch Imran Amed von Business of Fashion, das «Ende des Systems» proklamieren?

Es braucht weniger, wir brauchen weniger. Zu dieser Einsicht sind viele unter uns gelangt, doch hat sich dieses Bewusstsein noch längst nicht breitenwirksam etabliert. Das Ende der Hype-Kultur scheint jedoch gekommen zu sein, wodurch Raum für einen neuen Umgang entsteht. Sind wir bereit, Verantwortung für unsere Geschichte und für unsere Zukunft zu tragen, und entsprechend zu handeln?

Das Heraufbeschwören eines kollektiven Gutmenschseins wirkte in den letzten Jahren als erfolgreiches Marketinginstrument und höhlte damit die letzten Basteien des Modesystems aus – Upcycling, Recycling, Ökobewusstsein verkamen zum blossen Verkaufsargument und die Designer zum blossen Vermarkter flüchtiger Begehrlichkeit und oberflächlichem Lifestyle.

Bis vor kurzem jagte ein Trend den nächsten, und das handwerkliche Geschick verlor zusehends an Ansehen. Das zu viel an Kommunikation und die Vorherrschaft des Marketings nährten den Schein, aber nicht das System. Die Wachstumsorientierung hemmte sowohl die natürliche Wirkungsentfaltung wie auch die Innovationskraft des wandelbaren Handwerks des Modemachens.

Ist nun angesichts annullierter Defilees, geschlossener Boutiquen und stillstehender Fabriken die Zeit für einen grundlegenden Richtungswechsel in der Modeindustrie gekommen? Sind die weltweiten, branchenübergreifenden Verschiebungen nun Auslöser für einen Gesinnungswandel?

Vom Produzenten bis zum Endkunden tragen wir alle Verantwortung für die Zukunft. Die persönlich geführte Boutique nimmt dabei eine entscheidende Rolle ein. Denn mehr als je zuvor sind Fachwissen und eine neue Kultur gefragt. Über ihre Kenntnis der Machart, der Qualität und der dazugehörenden Geschichte vermitteln sie die Faszination für ein kulturelles Gut, ein Handwerk. Statt Mode werden «investment pieces» erworben und damit einhergehend, auch Kenntnis zur Bewahrung der Qualität über die Zeit.

Wir alle können zu bewussten, verantwortungsvollen Mitgestaltern werden. Denn das Können jedes einzelnen Menschen trägt auf seine Weise zum Erhalt und dem  Fortbestand einer Industrie als Ganzes bei. Es ist deshalb höchste Zeit, in Dauerhaftigkeit zu investieren, auf das Essenzielle zu fokussieren und vorausschauend eine tragfähige Zukunft aufzubauen. Statt unsere Ressourcen zu verbrauchen, sollten wir einen achtungsvollen Umgang pflegen und so ein Zeichen der Anerkennung für ein Handwerk mit Geschichte setzen. Auf eine Zukunft, die mit Stil und Geschick gestaltet wird.